Warum ins Ausland?

Geschichten: Warum ins Ausland gehen?

Junge Menschen mit Auslandserfahrung erzählen

Israel, USA, Tschechien: drei Länder, in denen es sich völlig unterschiedlich leben lässt – und ganz klar: anders als in der Heimat. Welche Erfahrungen haben diejenigen im Gepäck, die eine Zeit in einem dieser Länder verbracht haben? Wie haben sie die Tage, Wochen und Monate ihres Aufenthalts verbracht? Und was raten sie anderen, die sich ebenfalls dafür interessieren, eine Zeit im Ausland zu verbringen?

Wir haben mit Menschen gesprochen, die bereits aus Erfahrung erzählen.

„Die Reise hat meinen Horizont erweitert“

Conni Vogt ist 20 Jahre alt und studiert Soziale Arbeit im 6. Semester. Sie war im Jahr 2016 mit dem Kreisjugendring zehn Tage lang in Israel und berichtet von ihren Erfahrungen.

Conni Vogt ist 20 Jahre alt und studiert Soziale Arbeit im 6. Semester

Wie bist du auf die Idee gekommen, an einem Austausch teilzunehmen?
Grundsätzlich reise ich gern! Ich liebe es, neue Leute und Kulturen kennenzulernen. Schon vor dem Israel-Besuch habe ich an einem Austausch mit Spanien teilgenommen. Eher zufällig las ich in der Zeitung eine Anzeige für den Israel-Austausch mit dem Kreisjugendring – und habe mich dann spontan dafür angemeldet. Mich sprach an, dass man bei diesem Angebot in einer Gruppe reisen konnte und dass es aufgrund der Zuschüsse auch finanziell gut zu bewerkstelligen war.

Hast du dir das Gastland Israel bewusst ausgesucht?
Nein, das war eher Zufall. Aber als ich erfuhr, dass es nach Israel geht, war ich gleich begeistert: Ich wollte unbedingt mal außerhalb von Europa reisen und das Tote Meer sehen.

Was war das Highlight der Reise?
Definitiv der Aufenthalt am Toten Meer. Man kann tatsächlich auf dem Rücken im Wasser liegen und dabei ganz bequem die Zeitung lesen. Auch die Ausflüge zum Jordan und zum See Genezareth waren unvergesslich: Als wir am Jordan waren, erlebten wir dort sogar eine Taufe mit. Das war im Grunde „Bibelkunde live“.

Gab es ein überraschendes Erlebnis?
Oh ja: Am Sabbatabend hat die Oma der Gastfamilie ein reichhaltiges Mahl aufgetischt. Ich habe mich bereits beim ersten Gang komplett sattgegessen, weil alles so köstlich war und ich unbedingt alles probieren wollte. Ich wusste nur leider nicht, dass es noch drei weitere Gänge geben würde. So satt war ich bisher noch nie in meinem Leben (lacht).

Hast du auch Herausforderungen erlebt?
Keine dramatischen: Die Verständigung mit der Gastfamilie lief zuweilen etwas holprig, was hauptsächlich an der Sprachbarriere lag. Das habe ich aber nicht wirklich als störend empfunden, denn wir haben dort überwiegend nur übernachtet und waren tagsüber immer in unserer Gruppe unterwegs.

Wie hat dir Israel gefallen?
Sehr. Besonders beeindruckt hat mich der Kontrast zwischen dem modernen und weltstädtischen Tel Aviv und dem sehr altertümlichen, religiösen Jerusalem. Es ist faszinierend, wie viele unterschiedliche Facetten ein so kleines Land haben kann. Ungewohnt für mich war die Präsenz von Waffen: Es laufen dort viel mehr bewaffnete Menschen herum als bei uns. Doch daran hatte man sich bald gewöhnt.

Was nimmst du mit aus deinem Aufenthalt in Israel?
Es hat sich für mich – wie auf vorherigen Reisen – bestätigt, dass alle Menschen letztlich doch gleich sind, die gleichen Sorgen und Nöte, Wünsche und Träume haben.

Was rätst du anderen, wenn es um einen Austausch geht?
Einfach so offen sein wie möglich: für das Land, die Menschen und die Kulturen. Sammelt Erfahrungen und geht ohne Scheuklappen und Vorurteile auf die Menschen zu. Denkt vorher nicht zu viel nach und macht euch keine Sorgen: Es kommt sowieso anders, als man denkt! Reisen bildet enorm und erweitert den Horizont.

„Ein Turbo fürs Selbstbewusstsein“

Julia Fleischmann ist 21 Jahre alt und studiert in Würzburg Pädagogik und Wirtschaftswissenschaften. Sie hat nach dem Abitur ein Jahr im tschechischen Pilsen verbracht – im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienstes bzw. der Tandem-Organisation.

Julia Fleischmann ist 21 Jahre alt und studiert in Würzburg Pädagogik und Wirtschaftswissenschaften.

Julia, was hat dich motiviert, ins Ausland zu gehen?
Ich habe 2018 mein Abi gemacht – und in den Monaten vor dem Abi haben meine Mitschüler und ich uns natürlich häufig darüber Gedanken gemacht, wie die Zeit danach aussieht: Gleich ins Studium? Oder ein freiwilliges soziales Jahr? Work & Travel? Es gibt ja heute unendlich viele Möglichkeiten. Letztlich hat, glaube ich, mein Bruder den Ausschlag gegeben: Er ist drei Jahre älter als ich und hat einen Freiwilligendienst in Luxemburg gemacht. Über ihn hatte ich Erfahrungen aus erster Hand, und so reifte dann auch mein Wunsch, auch mal ins Ausland zu gehen.

Hast du dir das Land Tschechien bewusst ausgesucht?
Nicht wirklich. Von der Chronologie war es eher so, dass ich mich zunächst mit verschiedenen Organisationen, Programmen und Trägern auseinandergesetzt habe, um ein Gefühl dafür zu bekommen, was man so machen kann und welche Länder es gibt. Im Laufe dieses Prozesses stellte ich fest, dass die östlichen Nachbarstaaten für mich spannend sein könnten, denn dort war ich vorher noch nie zuvor gewesen. Tschechien bzw. Pilsen fand ich dann für mich besonders interessant, weil es einerseits im Ausland liegt, andererseits aber mit einer Distanz von rund 200 Kilometern auch nicht extrem weit von meiner Heimat entfernt ist.

Was hast du dort gemacht?
Eine ganze Menge (lacht), es gab keine Langeweile. Zum einen haben wir die Internetseite http://ahoj.info/ aufgebaut und betreut, auf der tschechische und deutsche Austauschteilnehmer von ihren Erfahrungen berichten. Dafür habe ich zum Beispiel Artikel geschrieben und Fotos gemacht. Außerdem haben meine Kollegen und ich für den Europäischen Solidaritätskorps zwei große Seminare vorbereitet, geplant und durchgeführt. Und natürlich habe ich fleißig die Gelegenheit genutzt, im Rahmen von Sprachkursen Tschechisch zu lernen.

Kann man so einen Aufenthalt überhaupt ganz ohne Sprachkenntnisse wagen?
Auf jeden Fall. Bei Tandem sind genügend Leute, die Deutsch und Tschechisch können und einem unter die Arme greifen. Außerdem lernt man das, was man im Alltag braucht – zum Beispiel beim Einkaufen – sehr schnell. Zu guter Letzt gibt es dann ja auch noch die Sprachkurse. So hat mir Tandem einen Sprachkurs mit einer Privatlehrerin ermöglicht, danach nahm ich noch an einem mehrwöchtigen Intensiv-Tschechischkurs mit Erasmus-Studenten teil.

Hast du in Tschechien eine andere Kultur kennengelernt als in Deutschland?
Eigentlich nicht. Im täglichen Miteinander gab es keine wirklich erwähnenswerten kulturellen Unterschiede. Auch was die Esskultur angeht, habe ich mich sehr heimisch gefühlt – was aber vielleicht auch daran liegt, dass ich aus Bayern komme, wo man tendenziell ähnlich rustikale und sättigende Speisen schätzt wie in Tschechien (lacht).

Was war das Highlight deines Aufenthalts?
Ganz generell haben mir immer die großen Zusammenkünfte mit anderen Freiwilligen aus Tschechien und Deutschland besonderen Spaß gemacht: beim On-Arrival-Training, bei den Midterms, bei den Seminaren. Es ist einfach total schön, so viele Menschen zu treffen, die alle etwas gemeinsam miteinander auf die Beine stellen.

Was hat der Auslandsaufenthalt bei dir bewirkt?
Eine Menge: Im Grunde ist das ein Turbo fürs Selbstbewusstsein. Du kommst als behütete Schülerin plötzlich „in die weite Welt“, musst deine Reisen selber buchen, deine eigenen Bahnen ziehen. Du musst aber auch strukturiert arbeiten, wozu manchmal auch ganz profane Büroarbeit gehört. Ich habe gelernt, Webseiten zu betreuen, Fotos zu machen und zu bearbeiten, Artikel zu schreiben. Und ich habe Seminare geleitet, Vorträge gehalten, offen und frei geredet: Es macht einen dann schon ein bisschen stolz, wenn das nach einiger Zeit ganz locker von der Hand geht. Ich habe für meine Persönlichkeit definitiv sehr von diesem Austausch profitiert.

Gab es auch schwierige Phasen?
Kurz vor Weihnachten hatte ich mal ein, zwei Wochen ein kleines Tief, was sich vor allem in starkem Heimweh äußerte. Nachdem ich meine Familie in Deutschland zu Weihnachten besucht hatte, war das aber schnell abgehakt. Ansonsten habe ich keine schwierigen Dinge erlebt.

Was rätst du anderen, wenn es um einen Austausch geht?
Vor allem: Betrachtet euer Zielland nicht mit dem Blick des Urlaubers. Es muss nicht immer Spanien oder eines der gängigen touristischen Reiseziele sein. Habt einen offenen Blick für alle Länder und informiert euch bei den entsprechenden Organisationen gut darüber, was sie für Programme und Tätigkeiten anbieten. Denn gerade bei längeren Aufenthalten sollte man auch einen Blick dafür mitbringen, wie der Alltag dort aussieht. Und: Kommuniziert offen, wenn ihr mal ein Problem oder eine Frage habt. Alle sind super hilfsbereit und es gibt für alles eine Lösung.

„Zehn spannende Monate mit Höhen und Tiefen“

Wolfgang Henneberger ist 19 Jahre alt und absolviert aktuell seinen Bundesfreiwilligendienst beim lokalen Kreisjugendring. Danach wird er an der Uni Regensburg Amerikanistik und Politikwissenschaft studieren.

Wolfgang Henneberger ist 19 Jahre alt und absolviert aktuell seinen Bundesfreiwilligendienst beim lokalen Kreisjugendring.

Was hat dich motiviert, einen Austausch zu machen?
Ein bisschen liegt die Lust am Reisen und das Interesse an anderen Kulturen wohl bei uns in der Familie: Meine Mutter war Flugbegleiterin, mein Vater hatte als Kameramann viel im Ausland zu tun – und auch meine Kusine hatte bereits vor mir einen USA-Austausch gemacht. Daher reifte in mir schon früh der Wunsch, auch einmal längere Zeit im Ausland zu verbringen.

Warum hast du dir die USA ausgesucht?
Die USA sind in meinem Leben immer schon sehr präsent gewesen, was natürlich in erster Linie auf die Popkultur wie Musik und Kino zurückzuführen ist.

Wo warst du und wie lange dauerte dein Aufenthalt?
Ich war insgesamt zehn Monate in den USA, und zwar in der Kleinstadt Tawas City im Bundesstaat Michigan, die unmittelbar am Huron-See liegt.

Wie hast du dich auf deinen Aufenthalt vorbereitet?
Ich habe da schon recht viel Zeit investiert. Das hatte vor allem finanzielle Gründe, denn eine so lange Reise kann eine Familie nicht mal eben aus der Portokasse bezahlen. Daher nahm ich am Parlamentarischen Patenschaftsprogramm (PPP) teil und musste mich über die gemeinnützige Austauschorganisation Youth for Understanding einem Auswahlverfahren unterziehen. Unter anderem musste ich Bewerbungsschreiben verfassen und zu einem Auswahltag in München fahren, wo unsere Sozialkompetenzen und Englischkenntnisse geprüft werden. Das ist auch gut so: Immerhin ist das ein richtiges Stipendium! Ein Bundestagsabgeordneter übernimmt die Patenschaft dafür – und man ist dann ja später in den USA auch ein Stück weit Botschafter seines Landes. Also: Es war schon mit etwas Mühe und Aufwand verbunden, was sich aber definitiv gelohnt hat.

Gibt es etwas, was die Menschen in den USA besonders charakterisiert?
Ich kann natürlich nur für Tawas City sprechen, halte es aber trotzdem für verallgemeinerbar. Es gibt ja das Klischee, dass die Amerikaner offener und zugleich auch etwas oberflächlicher sind als die Deutschen. An diesem Klischee ist schon etwas dran: Ich war fasziniert, wie offen alle Menschen – ungeachtet von Alter, Geschlecht oder beruflicher Position – auf mich zugekommen sind. Ich bin sehr viel zu anderen Menschen eingeladen worden und traf überall auf offene Türen. Allerdings ebbte das Interesse dann aber auch häufig genauso schnell ab, wie es zustande gekommen war.

Was war das Highlight der Reise?
Jedes Jahr richtet meine Gastschule ein „Snowcoming“ aus, einen Winterball. Ich wurde mit in den „Snowcoming Court“ gewählt, der die Veranstaltung organisiert und vorbereitet – und  hinterher wurde ich sogar zum „Dance Prince“ – zum Ballkönig  gewissermaßen – ernannt, obwohl ich gar nicht besonders gut tanze (lacht).

Gab es skurrile Begebenheiten?
In der ländlichen Region von Michigan wird im Herbst leidenschaftlich gejagt. Es ist schon ungewohnt, wenn plötzlich ein Großteil der Bewohner auf die Jagd geht und die Mitschüler in den sozialen Medien Fotos posten, auf denen sie mit einem erlegten Hirsch posieren. Ich kam dann auch in den zweifelhaften Genuss, beim Ausnehmen eines Hirsches behilflich zu sein.

Hast du auch Herausforderungen oder Schwierigkeiten erlebt?
Vor Weihnachten hatte ich ein kleines Tief. Zum einen hatte ich tatsächlich etwas Heimweh, zum anderen hatte sich in der recht kinderreichen Gastfamilie alles soweit eingespielt, dass ich nicht mehr der mit Spannung erwartete Gast war, sondern einfach nur ein ganz gewöhnliches Familienmitglied. Es kehrte der klassische Alltag ein, in dem man sich auch mal zofft oder die „Geschwister“ aus der Gastfamilie mit ganz weltlichen Pubertätsproblemen konfrontiert sind. Aber diese Phase ging nach ein paar Wochen wieder vorbei, ich baute mir auch meinen eigenen Freundeskreis auf.

Hat sich dein Blick auf das Land durch den Austausch geändert?
Ja, schon, aber eher im Nachhinein. Während meines Aufenthalts lebte ich in meiner amerikanischen Kleinstadtblase und bekam wenig von Politik mit. Ich habe kaum Nachrichten gelesen, sondern mich mehr um mein ganz normales Leben dort gekümmert. Erst nach meiner Rückkehr begann ich, mich wirklich mit der Politik und der Geschichte der USA auseinanderzusetzen – und natürlich auch mit den Konflikten zwischen den Republikanern und Demokraten.

Was rätst du anderen, wenn es um einen Austausch geht?
Seid so weltoffen wie möglich! Nutzt die erste Zeit vor allem zum Beobachten und dazu, euch in das Land hineinzufinden. Ansonsten sollte man so aktiv wie möglich an allem teilnehmen und so viele Erfahrungen mitnehmen wie nur möglich.